Großer Banner-Ärger in Bochum

Ein Fußballspiel, an das man sich erst wieder gewöhnen muss

imageVon Tobias Nordmann, Bochum
07-08-2026-Nordrhein-Westfalen-Bochum-Fussball-Maenner-2-Bundesliga-VfL-Bochum-Hertha-BSC-1-Spieltag-Vonovia-Ruhrstadion-Das-Team-des-VfL-Bochum-steht-im-Kreis-waehrend-im-Hintergrund-eine-Choreographie-der-Fans-zu-sehen-ist-Foto-David-Ebener-dpa-WICHTIGER-HINWEIS-Gemaess-den-Vorgaben-der-Bundesliga-bzw-des-DFB-Deutscher-Fussball-Bund-ist-es-untersagt-in-dem-Stadion-und-oder-vom-Spiel-angefertigte-Fotoaufnahmen-in-Form-von-Sequenzbildern-und-oder-videoaehnlichen-Fotostrecken-zu-verwerten-bzw-verwerten-zu-lassen
Die Fans des VfL Bochum sorgte mit ihrer Choreo für das stimmungsvolle Highlight des Abends. (Foto: dpa)
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08.08.2026 | 01:30 Uhr
Hertha BSC reicht eine sehenswerte Kombination, um das zähe Auftaktspiel der 2. Fußball-Bundesliga zu gewinnen. Gastgeber VfL Bochum gelingt fast nichts, ist aber dennoch nicht unzufrieden.

Tom Weilandt war der letzte Fußballer, der es für den VfL Bochum regelte. Zehn Jahre und einen Tag war das her. Der Offensivspieler ließ das Ruhrstadion "anne Castroper" beben. Der VfL hatte das Auftaktspiel der 2. Bundesliga gewonnen. Gegen Union Berlin. Seither: nichts. Kein einziger Sieg mehr. In der alten Malocherstadt, der Stadt der Schichtarbeiter, fremdelt das Team chronisch mit dem Saison-Frühdienst. Auch an diesem Freitagabend. Wieder Heimspiel. Wieder eine Berliner Mannschaft. Und wieder eine Niederlage. Hertha BSC reichte eine sehenswerte Kombination, um das Spiel mit 1:0 (1:0) für sich zu entscheiden. Sebastian Grönning traf nach 39 Minuten.

Es hatte in diesem Sommer nicht an Fußball gemangelt und dennoch war die Sehnsucht groß nach dem ersten Anpfiff der neuen Saison. Fußball-"Junkie" Uwe Rösler, Trainer des VfL Bochum, sehnte sich nach diesem guten, diesem ungefährlichen Stoff, der so viele glücklich macht. Die gigantischste Weltmeisterschaft aller Zeiten war gerade erst vorübergezogen. Mit großem Fußball und vielen noch größeren Schäbigkeiten. Mit Donalds Trumps Einmischung, mit Hydration Breaks und XXL-Pausen. Und mit einem wild gewordenen FIFA-Präsidenten, der dem eigenen Gianninismus verfallen war und Teile der WM verkaufen wollte. Auch seines eigenen Wohls wegen. Der Fußball war beschmutzt und schüttelte an diesem Freitagabend ganz viel Dreck wieder ab.

Für Fest für Puristen

Die ikonischen Flutlichtmasten in Bochum, die vier Fliegenklatschen, leuchteten die Bühne für den Start aus. Mit dem VfL und Hertha BSC baute sich ganz viel Tradition auf, ganz viel Hoffnung, ganz viel Liebe. Für Romantiker war es eine Partie aus dem Groschenheft des Fußballs. Für Puristen war es ein Fest. Das alte Ruhrstadion, rau und ehrlich. 26.000 Zuschauer, die Bock auf das Spiel haben. Auf Fußball, wie er sein soll. Auf Fußball, an den man sich erst wieder gewöhnen muss. 2. Liga das ist nicht Rodri oder Michael Olise. 2. Liga, das ist Maxi Wittek und Julian Eitschberger, das ist Kampf, Leidenschaft, Intensität.

Wer die 2. Liga feiert, der bekam an diesem Freitagabend eine 90-minütige Liebeserklärung für das Unterhaus aufgeführt. Von der ersten Minute an knallte es. Lange Bälle, zweite Bälle, schieben, rangeln, schubsen, rennen und grätschen. Mit den Händen am Gegner wurde mehr gearbeitet als mit dem Ball an den eigenen Füßen. Beide Mannschaften hatten nur wenig Zutrauen in ihre Fähigkeiten mit dem Spielgerät. Fußball hier ist kein Hochglanz- sondern ein Hochkampfprodukt.

Die Fans der Bochumer hatten die neu zusammengestellte Mannschaft mit einer beeindruckenden Choreo mit Bildern der Stadt empfangen. "Zwischen Förderturm und Flutlicht schlägt das Herz der Malocherstadt" warfen sie den Spieler entgegen. Es soll die DNA des Teams werden. Eine kleine Anleihe vom nicht sehr geliebten Rivalen FC Schalke 04, der sich vergangene Saison in die Bundesliga zurückmalochte.

Hertha-Fans erklären Protestaktion

Chancen gab es in diesem Spiel lange keine. Dafür wieder mal Aufregung um ein Banner im Gäste-Fanblock. Es blockierte einen Fluchtweg. Weil sich die Hertha-Fans aber erst weigerten, der Bitte nachzukommen, das Banner abzuhängen, unterbrach Schiedsrichter Wolfgang Haslberger das Spiel. Nach 19 Minuten. Der böse Geist der WM-Hydration-Breaks wehte durchs Stadion. Und tatsächlich, so gestand Eitschberger, nutzte Hertha die Pause, um das eigene Spiel zu justieren. Die Berliner waren besser gewesen. Aber nicht gut. Was viel über den VfL aussagt.

Nach Angaben der "Fanszene Hertha BSC" handelte es sich um einen bewusst herbeigeführten Protest. In einer Stellungnahme kritisierten die Anhänger unter anderem steigende Ticketpreise, verschärfte Einlasskontrollen und den Umgang der Politik mit der Fankultur. Die Verzögerung des Spiels sei als symbolische Protestaktion gegen diese Entwicklungen gedacht gewesen. Nach fünf Minuten ging's weiter. Vorerst ereignislos. Von rennen, rangeln und zweiten Bällen abgesehen. "Griffig" fanden beide Trainer, was sie sahen. Und es gefiel ihnen. 2. Liga halt.

Bochum erarbeitete sich zwei mittelmäßige Möglichkeiten, ehe Hertha führte. Die Viererkette des VfL war wild durcheinander. Yigit Karademir hat im Bemühen um eine Abseitsstellung die Orientierung verloren, Oliver Olsen seinen Gegenspieler. Der junge Soufian Gouram spielte einen feinen Steckpass, Grönning traf.

Was macht Berkan Taz denn da?

Das stimmungsvolle Ruhrstadion legte sich für Momente ab. Nein, so war das nicht geplant gewesen. Die starke Vorbereitung hatte Hoffnungen geschürt, dass in dieser Saison was möglich ist. Und dann: Rückstand. Gegen eine Hertha, die im Sommer wild auseinandergebrochen war. Die großen Namen um Tjark Ernst, Fabian Reese, Kennet Eichhorn und Michael Cuisance hatten Reißaus genommen. Der Klub viel Geld eingenommen, aber nahezu nichts investiert. Bis zum Spiel gegen Bochum war mit Oluwaseun Adewumi nur ein Spieler geliehen worden. Berlin will in dieser Saison über das Kollektiv kommen, über Intensität, über eigene Talente. Die allerletzten Glamour-Reste, der längst gehasste Traum von einem europäischen Schwergewicht, sollen aus der Erinnerung getilgt werden.

Das Spiel hätte nur zwei Minuten später eine Blitzwendung genommen, wenn Berkan Taz besser köpfen könnte. Der Spielmacher der Bochumer rauschte aus der Tiefe heran, stieg völlig alleine gelassen hoch und drückte den Ball am Tor vorbei. Den hätte er machen können, müssen. Wieder legte sich das Ruhrstadion fassungslos kurz ab. Zur Pause gab's Journeys "Don't Stop Believin" auf die Ohren. Ein Klassiker. Auch eine verzweifelte Sehnsucht, der Klub will wieder in die Bundesliga. Wie weit der Weg, dafür wurde die Saison-Frühschicht zum Realitätscheck.

Bochum hatte nun zum ersten Mal an diesem Fußball gespielt. Und war fast erfolgreich gewesen. Trainer Rösler baute sein Team zur Pause um. Mit Karol Mets und Mats Pannewig und ab der 61. Minute Gerrit Holtmann kamen Spieler, die eigentlich Stammkräfte sein sollen. Aber wegen Verletzung noch nicht sein können. Was sie können: Fußball spielen und Power auf den Rasen bringen.

Hertha verlor zunehmend die Kontrolle, Bochum gewann die Zweikämpfe und den Ball. Sie brachten Spielmacher Taz nun in gute Situationen und hatten Chancen: Philipp Hofmanns Kopfball wurde gerade noch abgefälscht (57.), Taz' Schuss per Monstergrätsche von Niklas Kolbe entschärft (64.). "Super Spiel von uns", sagte Berlins Verteidiger später am Sat.1-Mikro: "Siege sind immer schön. Abgänge hin oder her, das gibt's immer im Fußball."

Der Big Worker Club aus Berlin?

Das Ruhrstadion war längst wieder erwacht. Bochum hatte ein Gespür dafür, dass Bochum lieferte. Nicht effektiv, aber bemüht. Manchmal reicht das schon. 2. Liga halt. Holtmann steht in bester Position, der Ball rutscht ihm über den Fuß. Fassungslosigkeit im Osten (Bochumer Fankurve), erfolgreiche Angsttherapie im Westen (Gästeblock). Es klebte ganz viel Mist an den Bochumer Schuhen. Und er wollte nicht abfallen. Es wurde unruhig im Stadion. Wellen der aufkeimenden Hoffnung knallten immer wieder hart auf den grünen Rasen. Aber keine Zeit für "Panik", wie der neue Kapitän Timo Horn beruhigte. "Es war jetzt keiner, der besonders verärgert war oder gesagt hat, dass vieles nicht gepasst hat. Ganz im Gegenteil". Er hatte viele "gute Ansätze" gesehen.

Trotz immer wieder Flanken auf den ersten Wellenbrecher der Hertha, flache Hereingaben in Räume, wo niemand war, die verzweifelte Suche nach einer Lücke im Zentrum - es war zum Haareraufen. "In der zweiten Halbzeit hat nur noch eine Mannschaft das Spiel dominiert, das waren wir", klagte Rösler. Das Chancenverhältnis war klar auf unserer Seite. Insofern hätten wir uns das Unentschieden trotz der schwierigen ersten Hälfte absolut verdient." Dann wurde die Partie überraschend früh abgepfiffen, nach zwei Minuten Nachspielzeit. Röser schäumte vor Wut, zeigte dem vierten Offiziellen seine Unmut an und stapfte dann hoch errötet auf Haslberger zu.

Kevin Sessa und Paul Seguin orchestrierten die BSC-Wellenbrecher. Sie nahmen Bochums Hünen Hofmann in griechisch-römische Obhut. Berlin gefiel sich im neuen Blaumann. "Wird haben ein fantastisches Spiel gezeigt", begeisterte sich Coach Stefan Leitl. "Die Jungs haben überragend gefightet. Immer wieder ging es um zweite Bälle, das kostet viele Körner. Wir hatten keinen einzigen Test auf dem Stresslevel von heute, aber wir haben gesehen, dass wir Paroli bieten können." Vielleicht wird Hertha in dieser Saison der Big Worker Club?

Verwendete Quelle: ntv.de